Ich bin stolzer Besitzer eines sehr gut erhaltenen Polo 9N BJ 2004 mit dem 1.9er PD TDI ATD Motor mit knapp 112.000 km. Ich möchte in den nächsten Wochen den Zahnriemen selber wechseln, dabei gleich auch eine größere Wartung durchführen und einige andere Teile erneuern.
Ich würde mich als durchaus geübten Schrauber bezeichnen, habe schon einige Dinge in Eigenregie repariert und bin sowohl vom Werkzeug (u.a. Absteckwerkzeuge für NW, KW) als auch Software her sehr gut ausgerüstet, VCDS + einige ERWIN Anleitungen etc. Ich habe mir schon etliche Videos und auch alle relevanten Anleitungen hier und in anderen Foren durchgelesen, habe aber noch einige Fragen, die ich vorab gerne noch abklären würde um nicht irgendeinen blöden Fehler zu machen.
Vielleicht noch kurz dazu warum ich das selber machen will: erstens schraube ich gern am Auto und sehe das auch als Möglichkeit, wieder etwas Neues zu machen. Mir geht es gar nicht darum, Kosten zu sparen, sondern ich möchte das einfach alles in Ruhe zerlegen, lieber etwas mehr ausbauen, um dann mehr Platz zu haben. Habe schon einige Videos gesehen oder von Werkstätten gehört, die bei so alten Autos gerne mal hektisch und grob vorgehen, die Leitungen vom Ausgleichsbehälter, Dieselfilter etc. umbiegen um schnell fertig zu werden. Die Leitungen und Kabel sind ja schon einige Jahre alt, entsprechend werde ich das lieber alles ausbauen und habe dann auch mehr Platz für den eigentlichen ZR Wechsel. Beim Polo ist mit dem großen 1.9er TDI nämlich Platz im Motorraum absolute Mangelware
Im Zuge des ZR Wechsels werde ich noch weitere Teile erneuern:
- Zahnriemen, Wasserpumpe (habe mir die von Hepu gekauft mit Schaufelrad aus Metall), Spann- und Umlenkrolle sowie beide Stehbolzen (dazu später gleich eine Frage)
- Keilriemen, Keilriemenspanner und Freilauf an der Lichtmaschine (Frage kommt)
- da ich auch das Kühlmittel ablassen werde, tausche ich den Thermostat samt Dichtungen gleich mit - da ist nämlich noch der Thermostat ab Werk verbaut
- den Dieselfilter - da er beim Einbau des ZR Platz versperrt, nehme ich ihn ganz raus evtl. auch samt Halter und einigen Leitungen zur Motorseite hin (Frage auch dazu)
- Nockenwellensensor (Frage auch dazu)
1. Stehbolzen:
Hier scheiden sich die Geister, einerseits wird davon abgeraten die Stehbolzen der Umlenk- und Spannrolle zu tauschen, andere sagen wieder, man soll die unbedingt mittauschen - auch der Meister in der VW Werkstatt meinte „unbedingt tauschen“. Ehrlich gesagt habe ich davor den größten Respekt am gesamten Projekt, Stichwort Bolzenbruch im Block etc. Da ich in den Anleitungen kaum Infos bzgl. Stehbolzentausch gefunden habe, hier meine Frage: soll ich die tauschen oder lieber nicht - und vor allem warum ja/warum nein?
Wenn man die Bolzen tauscht, soll man auf die Gewinde, die in den Block geschraubt werden, etwas Schraubensicherungsmittel wie Loctite 243 geben oder nicht? Einige sagen, damit kann man das Gewinde im Block ruinieren, andere schwören wiederum darauf…
Habe mir beide Stehbolzen original bei VW besorgt, beim Bolzen der Umlenkrolle ist ab Werk auf dem Gewinde etwas blaue Masse (vermutlich Schraubensicherungsmittel) zu sehen, beim Bolzen der Spannrolle aber nicht. Was sagt ihr dazu bzw. was ist eure Empfehlung?
2. Spezialwerkzeug Nockenwellen Gegenhalter T10172:
Das einzige Werkzeug, welches ich (noch) nicht habe, ist der Gegenhalter für das NW-Rad. In der ELSAWIN Anleitung steht, dass man vor dem Anziehen der 3 Schrauben mit dem Gegenhalter das NW Rad auf „Vorspannung“ halten soll. Was ist die Idee dahinter? Dass beim Festziehen der 3 Schrauben nicht die gesamte (Dreh-)Kraft in den Absteckstift der NW gehen? Wenn das die Sorge ist, kann man ja so vorgehen: Anstatt eine Schraube gleich ganz fest zu ziehen, kann ich ja versuchen alle 3 Schrauben langsam immer weiter anzuziehen, bis alle 3 Schrauben zumindest etwas „Halt“ am NW-Rad haben. Dann müssten laut Theorie beim letzten Festziehen auf die geforderten 25nm so wenig „Drehkräfte“ wie möglich wirken, oder?
3. Synchronisationswinkel:
Ich habe vor einigen Tagen mal den Synchronisationswinkel ausgelesen, also so wie er jetzt noch VOR dem ZR Wechsel ist, und da wird mir gleich nach dem Start, sprich bei kaltem Motor, ein Synchronisationswinkel von +1,7° angezeigt, Leerlaufdrehzahl: 903, Einspritzbeginn: 9.9 ° v. OT und Einspritzdauer 5.6 KW
Habe in einem anderen Forum nachgelesen, dass ein solcher Wert eher für guten Zug schon im niedrigen Drehzahlbereich steht, oben raus dann aber etwas weniger wird - das gefällt mir persönlich sehr, da ich ein sehr entspannter Fahrer bin und den Motor kaum über 3500 rpm drehe.
Wenn ich den ZR tausche und NW und KW abstecke, wie schaffe ich es am besten, dass ich nach dem ZR Tausch einen ähnlichen Synchronisationswinkel wie vorher hinbekomme? Also ich möchte den Winkel möglichst nicht verstellen sondern den "ist-Zustand" beibehalten.
Wenn ich das richtig verstehe, müssten ja die Schrauben in den Langlöchern vom NW Rad dann möglichst exakt gleich stehen wie jetzt, oder?
4. Freilauf Lichtmaschine:
Je nach dem wie gut man das Thermostat erreicht, erwäge ich auch die Lichtmaschine auszubauen - im ELSAWIN steht, dass der Generator für einen Thermostatwechsel ausgebaut werden muss, aber aus Erfahrung kann ich sagen, dass die Anleitungen nicht immer zwingend notwendig sind. Mit etwas Gefummel ging es meist auch ohne Ausbau weiterer Teile.
Der Freilauf soll mit 85nm festgezogen werden und die LIMA ist ja „nur“ an zwei Schrauben am Block befestigt ist. Kann es daher passieren, dass beim Anziehen des neuen Freilaufes bei eingebauter LIMA, die Schrauben oder Halter, die die LIMA am Block halten, verbiegen? Vermutlich ist es besser den Freilauf an der ausgebauten LIMA zu tauschen, oder was sagt ihr dazu?
5. Nockenwellensensor
Vor 3 Jahren ist mir plötzlich während der Fahrt der Motor ausgegangen, der KW Sensor war defekt und den hatte ich getauscht. Jetzt wäre meine Überlegung, dass ich auch den NW Sensor vorsichtshalber tauschen kann, da man guten Zugang hat wenn ohnehin die ganzen Abdeckungen und Bauteile vom ZR ausgebaut sind. Die einzige Frage, die sich mir stellt: den Synchronisationswinkel habe ich ja jetzt quasi mit dem „alten“ NW Sensor vor dem ZR Tausch ausgelesen - kann es sein, dass der neue NW Sensor etwas anders kalibriert ist und entsprechend andere Werte anzeigt (auch wenn nur minimal) als der alte, obwohl NW und KW samt ZR noch nicht verändert wurden?
Angenommen ich tausche alles auf einmal und erhalte dann einen anderen Synchronisationswinkel, in dem Fall kann ich ja nicht ganz sicher sein, ob es an der anderen Kalibrierung des neuen NW Sensors liegt oder tatsächlich NW und KW zueinander verstellt wurden… wisst ihr was ich meine?
Alternativ könnte ich ZUERST nur den NW Sensor tauschen, den Synchronisationswinkel vergleichen und erst danach den ZR wechseln. Oder umgekehrt, zuerst ZR tauschen und den NW Sensor erst später wechseln?
Kann man die Schraube vom alten NW Sensor wieder verwenden oder gehört die ersetzt? Bei der alten Schraube ist laut Videos scheinbar Schraubensicherungsmittel drauf, oder kann man da einfach neues Sicherungsmittel drauf und die wieder verwenden? Die Kosten spielen keine Rolle, nur muss ich die Teile rechtzeitig bestellen.
6. Kühlsystem Entlüftung:
Da ja das gesamte Kühlmittel abgelassen wird und später ganz neu befüllt wird, nun die Frage zum Entlüften: es gibt scheinbar ein Spezialwerkzeug von VW zum Befüllen, welches ich nicht habe - aber überall steht, dass sich das Kühlsystem selbst entlüftet, wenn man den Motor einfach ein paar Minuten im Leerlauf laufen lässt und wartet, bis der Kühlerlüfter anläuft. Oder gibt’s da irgendwas zu beachten wenn das Kühlsystem ganz neu befüllt wird?
7. Dieselfilter
Wie schon erwähnt, würde ich gleich den Dieselfilter tauschen, allerdings habe ich überlegt, ob es aus Platzgründen nicht besser wäre, den alten Dieselfilter samt Halter und einigen Leitungen ganz auszubauen.
Es gibt hier irgendwo einen Beitrag wie man nach dem Wechsel mit VCDS die Kraftstoffpumpe ansteuern kann um das alles zu entlüften. Ich hätte den neuen Dieselfilter NICHT mit neuem Diesel befüllt, sondern stattdessen die Kraftstoffpumpe angesteuert, sodass diese den Diesel reinpumpt.
Wie lange sollte man die Kraftstoffpumpe ansteuern bzw. wie oft sollte man den Vorgang wiederholen? Kann man das irgendwie von außen erkennen, ob noch Luft im Filter oder den Leitungen ist? Gibt es irgendwas zu beachten, wenn ich einige Kraftstoffleitungen abnehme und sich diese mit Lüft füllen könnten?
8. Nockenwellenrad
Die richtige Einstellung des NW Rades ist mir vermutlich das größte Rätsel…
Warum gibt es da so viele verschiedene Auffassungen, da muss doch 1 Methode stimmen, oder?? Ich habe überall gelesen, man soll vermeiden, dass man das NW Rad so verdreht, dass die Schrauben (egal in welcher Richtung) am Anschlag stehen, da der ZR dann manchmal nicht gespannt werden kann weil ein weiteres Verdrehen des NW Rades beim Spannen vom Absteckwerkzeug verhindert wird.
Zusätzlich zwei Verständnisfragen:
8a. VOR dem Abnehmen des alten ZR: man löst zuerst die 3 Schrauben am NW-Rad und lockert erst danach die Spannrolle und nimmt den alten ZR ab, richtig?
8b. WICHTIG: Auf einigen Videos sieht man, dass man das NW Rad bei arretierter NW und gelöster 3 NW Schrauben durchaus weit verdrehen kann, also um einige ° - kann es passieren, dass ich den ZR trotz korrekt abgesteckter NW und KW dennoch „falsch“ bzw. um 1 oder mehrere Zähne versetzt auflege, nur weil das NW Rad „falsch“ ausgerichtet ist? Das ist für mich mit die wichtigste Frage am ganzen Projekt!
Allgemein: Gibt es generell noch irgendwelche Tipps oder Hinweise, worauf man beim ZR Wechsel achten sollte? Bringe wie gesagt durchaus etwas Erfahrung als Schrauber mit, bin aber eben kein gelernter Mechaniker und deswegen etwas vorsichtig wenn es um den ZR geht. Vielleicht gibt es ja den einen oder anderen Tipp, der für Profis selbstverständlich ist, von anderen aber gerne übersehen wird, also typische Anfängerfehler halt.
Ich glaube, dass ich mich schon ganz gut vorab informiert habe, teils habe ich Anleitungen oder Videos gesehen, wo selbst ich schon erkennen konnte, dass da einiges komplett falsch gemacht wird.
Danke an alle, die den ganzen Beitrag gelesen haben, sorry für die vielen Fragen! Ich möchte nur sichergehen, dass ich den tollen Motor nicht durch irgendeinen vermeidbaren Fehler beschädige.
Freue mich auf die Antworten und bin für jeden Tipp dankbar!
Grüße!